Hinter einer Tür. Oder: Eine Frau namens Charlotte Fresenius
… und warum dieses Türschild mehr als nur »Wir benennen jetzt auch mal was nach einer Frau« bedeutet.
Marie Luise Gertrude Charlotte Rumpf wurde 1819 in Gießen geboren. Sie lebte wohl ein für ihre Zeit relativ typisches bürgerliches Leben: früh Halbwaise, wurde sie von der erweiterten Familie mitversorgt. Und heiratete 1845 im Alter von 26 einen etwa gleichaltrigen Naturwissenschaftler (er war auch weitläufig mit ihr verwandt) und zog mit ihm fort in eine andere Stadt. Dort gebar sie nach einer Totgeburt 1846 zwischen 1847 und 1863 neun Kinder: zwei von ihnen starben im Säuglingsalter. Die anderen sieben wuchsen auf.
Das Haus der rasch wachsenden Familie umfasste nicht nur die Wohnräume, sondern auch den gesamten Betrieb ihres Mannes – ein chemisches Laboratorium, in dem geforscht, gelehrt und im Auftrag von Kunden Proben analysiert wurden. Sie wird sich, so ist anzunehmen, vornehmlich um die Kinder und das »Führen« des Haushaltes gekümmert haben. Ihr Mann kümmerte sich nicht nur um sein florierendes Start-Up, sondern engagierte sich in zahlreichen Vereinen, Institutionen und in der Kommunalpolitik. Und um seine Familie, jedenfalls an den Wochenenden. Ein großer Garten gehört auch dem schönen, nach den Maßstäben der damaligen Zeit wohl eher bescheiden zu nennenden Anwesen.
Kurz nach der Geburt des jüngsten Kindes erkrankte Charlotte 1864 an einem »Nervenleiden«. So hieß das damals. Genauer wurde eine Diagnose meist nicht. Sie wurde fortan – mit kurzen Unterbrechungen – bis zu ihrem Tod im Jahr 1875 in Anstalten fernab ihrer Familie stationär versorgt, verwahrt, behandelt. Zuletzt in der Heil- und Pflegeanstalt Illenau (Baden), die damals als besonders fortschrittlich galt. Dort ist sie auch begraben.
Psychische Erkrankungen wurden zu ihrer Zeit noch nicht auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse behandelt; eine fundierte klinische Psychiatrie lag noch in gewisser Ferne. Immerhin: Sie durfte ihr Leben behütet und umsorgt leben und beschließen. Das sollte sich ja für Insassen sogenannter »Irrenanstalten« ein paar Jahrzehnte später auf schreckliche Weise ändern.
Ihr Name steht nun in #Wiesbaden seit ein paar Wochen auf dieser Tür, hinter der Menschen aus der Stadt, in der ihr Mann, Carl Remigius Fresenius, sein Unternehmen aufbaute, Hilfe bekommen können bei psychischen Erkrankungen, bei seelischer Not.
In ihrem Namen wird dort fortan psychotherapeutisch diagnostiziert, behandelt, ausgebildet und geforscht.
Insofern: Weit mehr als nur ein Name auf der Tür, sondern auch Würdigung, Verpflichtung und Ansporn.