Die andere Uhr


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Wie in unzähligen anderen Haushalten auch (besonders solchen mit schulpflichtigen Kindern), hängt in unserer Küche eine Wanduhr. Ich hab sie einst aus einem Container mit Elektroschrott gezogen; es war nur ein Zeiger verbogen, deshalb war sie blockiert und galt als kaputt. Nach ein paar Minuten war sie wieder ok. Sie ist billig und nicht besonders schön. Aber sie geht. Sie zeigt die Zeit an; wie viele andere Haushalte stellen wir sie stets zwei bis drei Minuten vor, damit ja nichts schiefgeht. Diese kleine Mogelei ist erstaunlich wirksam – wir Menschen lassen uns gerne freundlich und behutsam manipulieren.
Wirklich spielentscheidend für den funktionierenden Familientakt war die Uhr allerdings nie. Unsere Kinder mussten (noch) nie mit dem Bus zur Schule fahren, auch zum Musikunterricht oder Sport nicht. Die Grundschule war 2 Minuten Fußweg entfernt, die weiterführende Schule 15 Minuten. Nach unserer (naturgemäß und hoffentlich gefilterten) Elternkenntnis ist keins unser Kinder je zu spät zur Schule gekommen. Was uns Eltern auch als Versäumnis ausgelegt werden könnte, finde ich. Aber das ist ein anderes Thema. Denn ich wollte von der Küchenuhr erzählen. Oder von unseren zwei Küchenuhren.
Denn über der langweiligen Hauptuhr, die relativ zuverlässig die aktuelle Zeit anzeigt, hängt seit vielen Jahren eine andere. Sie war einst unsere (schönere, buntere) »Küchenuhr«. Jahrelang versah sie ihren Dienst wie vorgesehen. Doch irgendwann beschloss dieses Gerät, in eine andere Zeitdimension zu wechseln. Es ist nämlich so: Mitunter geht sie tage- und wochenlang ganz normal, so wie eine Uhr das so tut. Dann wiederum, wir wissen nicht warum oder unter welchen Umständen, bleibt sie stehen, für Stunden, Tage, gar Wochen. Oder sie bleibt einmal pro Tag für eine Stunde oder für 5 Stunden stehen. Nichts daran ist vorhersehbar. Das entscheidende für unsere Zeitanzeige-Ökologie ist nun: Wir lassen sie. Diese Uhr darf machen was sie will. Alle paar Jahre, wenn wirklich gar kein Zucken eines Zeigers mehr erkennbar ist, geben wir ihr eine neue Batterie. Aber an ihren Zeigern verändern wir nix. Sie steht und geht, wie sie halt »will«.
Und so gemahnt sie uns und diejenigen, die an unserem Tisch sitzen oder in der Küche stehen, tagein, tagaus, außerhalb des Rahmens zu sehen, zu gucken, zu denken. Manchmal zeigt sie plötzlich die gleiche Zeit wie die andere (was wirklich entzückend sein kann, wenn es nur alle 3 Jahre vorkommt), manchmal genau 6 Stunden versetzt; oft steht sie jedoch und zeigt einen Zeitpunkt an, dem wir natürlich auch eine magische Bedeutung zumessen. Spiegeln, Vorauseilen, Trödeln – alles möglich. Was will sie uns damit sagen, fragen wir uns, wenn wir es bemerken. Was allerdings auch nicht immer der Fall ist, wer guckt schon freiwillig und regelmäßig auf eine verrückte Uhr? Wir fragen uns gegenseitig, ob wer bemerkt hat, wann sie stehengeblieben ist oder wieder losmarschiert ist. Natürlich war niemand von uns je Augenzeuge einer dieser gewiss schockierenden Statusänderungen.

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Plötzlich – vielleicht beim Salat – juchzt jemand am Tisch: »Sie geht wieder!« oder ein Gast fragt, leicht irritiert: »Sagt mal, welche Zeitzone wollt ihr im Blick behalten?« Die Antwort darauf ist leicht: Unsere eigene natürlich. Geht besser mit einer kleinen Störung. In jedem Fall schenkt diese andere Uhr uns viele, viele Momente des Lachens, Innehaltens, Nachdenkens.