Der leer geänstigte Raum

Der Durchbruch der Covid-Pandemie in Europa, begleitet von düsteren Bildern aus China, wo man aus der Vogelperspektive Behelfskliniken entstehen sah, die gigantischen Feldlazaretten ähnelten, fand in Deutschland Widerhall in manch sonderbaren Resonanzräumen. Einer davon war das Anschwellen der Angstlust.

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Kommentatoren, Besserwisser, Social-Media-Meinungs-Superspreader und Clickbait-Farmen starteten einen Wettlauf um die dramatischste Untergangsprophetie. Das leichteste Ziel – weil es in Italien so anschaulich gruselig und erschütternd zu beobachten war – wurde das Gesundheitssystem, vor allem die Krankenhäuser, auch wegen der erwähnten [im Übrigen durchaus rassistisch-stereotypisiert aromatisierten] Bilder aus China. Kaum ein Tag verging, an dem nicht – beispielsweise auf Twitter – der garantiert bevorstehende Kollaps der Gesundheitsversorgung prognostiziert wurde, unfehlbar mit der Pose des zweifelsbefreiten Bescheidwissers vorgetragen. Weil ja schon so lange bekannt sei (»und Ihr habt es nur nicht erkennen wollen, Ihr Ignoranten«), dass unser Gesundheitssystem – und jetzt kam zuverlässig immer die gleiche Phrase – »kapputtgespart« ist, sei der Untergang dieser bloßen Ruine quasi vorgezeichnet.
Diese wohlfeile Prophetie erntete üppig Likes, Retweets, Kolumnen und Radiointerviews. Soweit, so normal. Und so bescheuert, weil falsch. Das deutsche Gesundheitssystem ist ganz offenkundig nicht kaputtgespart (trotz beschämend niedriger Löhne für den größten Teil des Personals und ständiger Überlastung), es ist offenkundig in weiten Teilen funktional und zusammengebrochen ist es eben auch nicht, noch nicht mal ansatzweise.
Doch nun kommt der paradox positive Nebeneffekt dieser Angstmacherei: nämlich eine dadurch geschürte tatsächliche, reale, handlungsleitende Angst, die – so meine Vermutung – zu vermehrt vernünftigem Verhalten führte und somit weniger Ansteckungen und Erkrankungen. Reale Angst ist offenbar ein starker Motor, der ganze Gesellschaften wirksam zu Handlungen motiviert, die unbequem sind. In Gesellschaften, die Krankheit und Tod weniger angstvoll begegnen, mag das anders sein. In Deutschlands sind dies zwei traditionell wirksame Angstmotoren, mehr als die Angst vor Armut oder dem Kommunismus, beispielsweise.
Diese andauernde Todesprophetie führte jedoch – das ist zu vermuten – auch zu Erschöpfung und Abstumpfung, allzumal der so eifrig und gewiss angekündigte Totalzusammenbruch nicht eintraf. Diese am Beginn der Pandemie so attraktive und applauswirksame Lust am eigenen Wissen um den ach so sicheren Untergang ist jetzt – im Oktober – offenbar vielen Menschen abhanden gekommen, die Währung der Stunde ist eine andere,
Läbbe geht ja weiter, die Show war schon gut, aber was gibt es eigentlich im Kino? Und will Elke nicht doch noch dieses Jahr heiraten? Und den 50. Geburtstag nicht feiern wäre ja auch wirklich schade, und nochmal verschieben geht nicht. Die neuen, erneuten Warnungen verhallen im angstlosen Raum (und wohl auch, weil sie diesmal eben nicht todeszahlengesättigt von woanders sind).
Das wiederum könnte durchaus positiv sein (weil nicht lähmend oder Fluchtreflex auslösend), wenn nicht andere Krakeeler nun mit apodiktischer Gewissheit Angstprophetie betreiben und sich Applaus der anderen »Vernünftigen« aufs Konto buchen würden: Staatsverdrossene Apostel, die ihre Version einer zu erwartenden, völlig anders gearteten Apokalypse proklamieren und so den von der Todesangst der ersten Monate befreiten Resonanzraum (den auch keine andere starke Erzählung über die Pandemie in der Zwischenzeit zu füllen mochte) belegen.

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Und so ergehen sich jetzt ausgerechnet gerade diejenigen, die der – das kann man durchaus plausibel behaupten – übertriebenen Angstlust der Anfangswochen mit guten Gründen skeptisch gegenüber gestanden haben mögen, in anders akzentuierten Untergangsphantasien. Und der Raum für balancierte Vorsichtspolitik ist belegt. Dumm gelaufen.