Die verschobene Welt im Kühlschrank


Was Botanische Gärten über die frühe Globalisierung erzählen

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Im Kühlschrank liegt die ganze Welt. Sie deckt uns den Tisch, macht uns satt, macht manche reich, manche arm, ist gesund, berauscht uns oder sieht nur gut aus. Sie kommt zu uns Tag für Tag, von nah und fern. Derzeit ist regional en vogue, es schmeckt nach Scholle, nach Authentizität: echt, gut, richtig. Doch nein, kaum etwas von dem, was die eifrigen Bauern anbieten, ist da gewachsen, wo es die Natur einst hat entstehen ließ. Kaum etwas wird dort verzehrt, wo die Evolution es hat sich entwickeln lassen. Es ist die gleiche Geschichte: Der Mensch hat gesucht, gefunden, gejagt, geraubt. Er hat versucht, verpflanzt, verändert, vernichtet und wieder versucht. Und irgendwann wuchsen die knackigen Äpfel im Alten Land und am Bodensee, die Kartoffeln in der Heide, die Tomaten in Holland. Und auch die Kiwis in Neuseeland, die Ananas in – nein, nicht Alaska – in Costa Rica, die Bananen in Ecuador, die Vanille auf Mauritius – sie alle haben ihre biologische Heimat woanders.
Die Globalisierung unserer Nahrung ist beinahe vollkommen. Sie umfasst das ganze Sortiment unserer Märkte und Kühlregale, das ganze Register unserer Kulinarik. Die Wurzeln dieser Lebensmittel-Globalisierung, die lange vor der Industrie-Globalisierung in Gang kam, reichen über Kontinente hinweg und durch Jahrhunderte zurück. Weit zurück. Zum Beispiel bis zur
Bounty. Dieses legendäre Schiff, das dann doch im ganz anderen Paradies hängenblieb, war im Dienste eines Projektes unterwegs, das für die Plantagensklaven in der Karibik billige, nahrhafte und reichlichere Nahrung ermöglichen sollte, als das, was die Besitzer dort vorfanden. Am anderen Ende der Welt entdeckte man den Affenbrotbaum, dessen Früchte reichlich Kohlehydrate und Fett bereitstellen. Eintausend seiner Schösslinge sollte die Bounty in die Karibik bringen. Dort wollte man die Pflanzen akklimatisieren, um sie später quasi-industriell anzubauen; auch im 18. Jahrhundert wussten die Menschen schon, wie das geht. Nicht nur wegen der zu früh beendeten Fahrt der Bounty wurde aus der Idee nichts. Viele der Pflanzen-Verpflanzungsvorhaben der kolonialen Epoche scheiterten an den Gegebenheiten der Natur. Nicht jede Frucht, nicht jede Sorte ließ sich 10.000 oder 20.000 Meilen von ihrer Heimat entfernt kultivieren. Beharrliches und oftmals tragisches Trial and Error, das mühsame Brot der klassischen Pflanzenzucht.
Dieser Pflanzentransfer von Kontinent zu Kontinent war ein höchst dynamisches Rädchen im Getriebe der Kolonialimperien des 18. und 19. Jahrhunderts. Holländer und Portugiesen legten die Fundamente, Briten und Franzosen bauten das Netz weltumspannend aus, die Deutschen wollten natürlich auch ganz heftig mitmischen, mangels Kolonienmasse blieben ihnen freilich nur schmale Beete im großen Weltgarten.

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Die Schaltstellen dieser Pflanzenglobalisierung waren Anstalten, die noch heute existieren und noch immer so heißen wie vor 200 oder 300 Jahren: Botanische Gärten. Die Regisseure der Verschiebungen waren Botaniker. Und Ärzte. Denn auch für die Medizin waren exotische Pflanzen jenseits des Kanons der Hildegard-Kräuter bereits seit Jahrhunderten begehrter und unentbehrlicher Rohstoff, und je mehr man weltweit fand, desto dringender der Bedarf, sie näher an den Bevölkerungszentren oder Handelsrouten anzubauen.
Begonnen hatte alles mit Gewürzen. Nicht nur Magellan, der erste Weltumsegler, war auf der Suche nach dem profitabelsten Transportgut des Mittelalters und der Neuzeit gewesen. Schon in der Antike war der Fernhandel mit Gewürzen Schmierstoff der Transmissionsmechanik zwischen Völkern, Staaten und Imperien. Aber erst die mit imperialer Gewissheit behauptete Beherrschung des Raumes zwischen Kontinenten ließ die botanischen Strategen der Weltreiche daran gehen, die Kulturpflanzen der Welt neu zu verteilen, auch mit Gewalt und gegen die Konkurrenz.

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Wie erfolgreich sie waren, spiegelt sich heute in jedem Lebensmittelregal. Diese Pracht ist ebenso ambivalent zu betrachten wie viele Errungenschaften unserer Kultur. Selbst der bewusste Genuss des bedacht und nachhaltig Lebenden ist gewürzt mit der Schalheit der Verdrängung und Vernichtung indigener (Agrar-) Kulturen, der rücksichtslosen Ausbeutung natürlicher Ressourcen, dem Risiko der Ansiedlung unverträglicher Nachbarn. Insofern ist ein Besuch in einer der kolonialen botanischen Gärten – und zwar nicht nur in Berlin-Dahlem oder Kew im Norden von London, sondern vor allem in Rio de Janeiro, in Singapur, auf Djakarta, auf Mauritius oder in Kamerun immer auch in Blick in ein trügerisches Paradies, in ein paradiesisches Beutekabinett. Es ist also ein ebenso aufschlussreicher wie am Ende auch ehrlicherer Blick in die Geschichte der Dinge, mit denen wir tagtäglich umgehen. Sie tragen alle Spuren der Jahrhunderte währenden Anstrengungen europäischer Mächte, sich die Erde untertan und willfährig zu machen – früher, damals und auch heute noch. Den eigenen Blick ehrlich zu richten auch auf die vermeintlich schmalen Fußspuren unserer Vergangenheit bedeutet, sich des Segens und zugleich des Schadens bewusst zu sein, den unsere Ahnen über die Erde gebracht haben. Unser Kartoffelsalat trägt Spuren dunkler Vergangenheit.