Ein Buch bebildern

Diese heutige Katapult-Geschichte berührt ein ganz interessantes Dilemma, vor dem Bildredakteur:innen für Buchveröffentlichungen wohl gar nicht so selten stehen. Sie haben unter Zeitdruck ein Buch zu bebildern, eine Wunschliste der Autor:innen von 250 Abbildungen, nur 120 Abbildungen dürfen in das Buch, es gibt ein Bildhonorar-Budget mit einem Durchschnittspreis pro Bild, das nicht überschritten werden sollte, weil sich die Sache sonst nicht mehr rechnet, nennt sich Kalkulation sowas. Jedes Motiv daraufhin zu überprüfen, ob nicht die eine oder andere Grafik günstiger als bei der erstbesten von Autor:in genannten Quelle zu haben ist, dafür reicht die Zeit nicht (außer es geht um 20 Standard-Fotos, die jeweils sämtlich bei 3 Agenturen vorliegen; dann kann man dann gleich drei mal anfragen und verhandeln).

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Also fragt eins im Fall von Info-Grafiken und spezielleren Abbildungen vor allem erstmal da an, wo es schon was fertiges gibt, bzw. wo die vorschlagenden Autor:innen das gefunden haben, sei es eine Zeitung, ein anderer Verlag, eine Zeitschrift oder eine Bild-Agentur bzw. -Datenbank. Dass ein Urheber oder Rechteverwalter bzw. -Händler dabei dann aus der Torte springt und ein deutlich branchenunüblich hohes Honorar fordert und auch nicht auf die ebenfalls üblichen Verhandlungen eingehen will, damit rechnet auch eine erfahrene Kolleg:in vielleicht erstmal nicht. Und ist dann in dieser spezifischen Situation im Dilemma: Denn hätte man mit den Infos, um die es geht, einen netten Grafiker von um die Ecke beauftragt, daraus was ansehnliches, nicht-plagiatorisches (!) zu machen, der hätte das für maximal die Hälfte des als Zweitverwertung geforderten Geldes sehr gut gemacht. So ein Nachbau gehört sich aber eben nicht, sobald man einmal für die spezifische Sache angefragt hat, das nennt sich Anstand, oder auch Branchen-Usus. Nochmal: Ohne vorherige Anfrage wär das gegangen. Die Kollegin war aber nun in der Zwickmühle, hatte nicht mehr Zeit als vorher, hatte noch 100 andere Abbildungen bis vorgestern zu beschaffen, hat versucht, da nochmal kräftig dran zu rütteln - war aber erkennbar an die falschen geraten, Pech, Ungeschick, dumm gelaufen. Aber nicht wirklich Anlass, den Cornelsen-Verlag (oder wahlweise alle Verlage, die groß sind) zu verdächtigen, in Sweat-Shops arme Content-Creatoren auszuwringen.

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Mal ein anderes Beispiel aus der Praxis: historische Karten; die sollen ja gefälligst in guten historischen Sachbüchern üppig überall rein, ohne dass das Buch dadurch zehn Euro mehr kostet. Fotos natürlich auch noch, und ein Register. Und ein Lesebändchen. Man einigt sich also, ja, 3 Karten, einmal Staatsgebiet mit Untergliederungen, dann einmal die Gebietsveränderungen, und noch diese Feldzüge bitte. Autor:in findet die Varianten, die ihr/ihm vorschweben, in irgendwelchen Büchern von 1985, die sollen dann als Basis dienen. In historischen Landkarten stecken ordentlich viele Informationen drin, die sind auch grafisch etwas komplexer als drei nicht miteinander vergleichbare Wahlbeteiligungen.
Jeder Publikumsverlag geht damit aber dann zu seinem vertrauten Kartenzeichner (solche Geschäftsbeziehungen dauern gerne Jahrzehnte und sichern Existenzen, auch weil alle Beteiligten lieber die Ruhe bewahren) und lässt diese Karten nachbauen und zahlt dem Zeichner dafür ein Nutzungshonorar, das der Kartenzeichner nennt und bekommt. (Seine neu gezeichneten Karten kann er dann selbst bei passender Gelegenheit unverändert oder auch variiert anderen Nutzern erneut zur Verfügung stellen, gegen Nutzungshonorar versteht sich.) Dieses Honorar allerdings wird, da bin ich mir ziemlich sicher, niemals so hoch sein wie das von »Katapult« verlangte Zweitnutzungs-Honorar für diese simple Grafik. Und das ist in Ordnung so. Klar würde der Kartenzeichner auch das Vierfache nehmen für eine Karte, aber er wird es nicht bekommen, also nimmt er einen Marktpreis, der beiden Seiten das Auskommen ermöglicht. Er muss es auch nicht verlangen, weil er lieber darauf setzt, ein stabiles, ruhig laufendes Geschäft zu betreiben und nicht eine Kirmesbude.

Abbildungen: Library of Congress.
Ausschnitte aus:
http://hdl.loc.gov/loc.gmd/g6080m.gct00327; http://hdl.loc.gov/loc.gmd/g3814n.pm005240